München - Venedig

Traumpfad München – Venedig Tag 9. Das Inntal wird erreicht und der Regen ist mein Freund

Hallerangerhaus – Lafatscherjoch – Abstieg nach Hall im Inntal (Und dann per Shuttle nach Innsbruck). 450 hm rauf, 1050 runter, 12 km.

Die Nacht war… KALT. Ich kletterte um unglaubliche 22 Uhr in mein Notlager, irgendwie macht sich das wenige Schlafen der Vortage langsam doch bemerkbar, vielleicht auch das 1/4  Rotwein, dass ich heute mal getrunken hatte. Ich wache ein paar mal auf weil es SO kalt ist. Meine Daunenjacke, die ja inzwischen zu meinem Kopfkissen geworden ist, ziehe ich bald an. Hab jetzt nur kein Kopfkissen mehr, alle anderen Kleidungsstücke die dazu taugen könnten habe ich auch schon an. Mein aufblasbares Outdoorkissen hatte ich am Tag vorher meinem Bruder mitgegeben, um weitere 100 Gramm Gewicht einzusparen. Um 1:41 Uhr dann… ich muss raus. Ich halte es für ausgeschlossen, dass ich ins „noch Kältere“ nach draußen gehen kann, das geht einfach nicht. Ich diskutiere das Problem bis 2:30 Uhr mit mir selbst. Dann muss ich raus – es geht einfach nicht mehr länger. Als ich vor die Tür trete um meine Hühnerleiter runter ins Bad zu klettern stelle ich überrascht fest: Die erwartete Kälte-Ohrfeige bleibt aus. Es ist draußen kein bisschen kälter als drinnen!

Als ich vom Bad zurück komme ziehe ich noch meine restlichen Sachen an, Wanderhose, drittes T-Shirt, Mütze, Handschuhe. Buff über die Mütze damit sie ja nicht runter rutscht beim Schlafen. Eine zweite und dritte Decke, die hier fein säuberlich zusammengefaltet liegen. Und endlich wird es warm. Um 4 Uhr wache ich erneut auf, das gibts doch nicht, die Kälte hat schon wieder einen Weg durch meine 23 Schichten gefunden. Ich hatte den ganzen gestrigen Abend schon überlegt, ob ich meinen geplanten freien Tag hier bleiben soll. Es ist wunderschön und der BESTE Ort meiner bisherigen Reise für einen Tag Pause. Aber das Wetter für heute soll ab Mittag schlecht werden, aus dem geplanten im Liegestuhl in der Sonne liegen würde eh nichts. Und um in einer (zwar sehr gemütlichen) Stube zu sitzen, will ich dafür hierbleiben? Ich will lieber weiter mit diesen „kürzeren“ Etappen gehen, wo man am frühen Nachmittag ankommt und noch Zeit hat zu genießen. Und mir gefällt die Idee, so einen „Bonustag“ vor mir herzuschieben, wo ich dann vielleicht doch spontan nochmal wo bleiben kann? Muss halt morgen zwei der Hütten antelefonieren, aber ich habe den Eindruck das ist doch alles flexibler möglich, als es am Anfang aussah. Der nächste Plan sieht vor, nach Hall abzusteigen, wo mich mein Bruder abholen würde, und eine Nacht bei ihm und seiner Freundin in Innsbruck zu schlafen. Er hatte schon gesagt, kein Problem wenn du nen Tag früher kommst oder zwei Nächte bleibst.. Falls ich NICHT am Mittwoch Abend anrufe ich stünde in Hall, geht er davon aus ich bin oben geblieben und kommt mir am Donnerstag entgegen, da hat er frei. Netz gibt es natürlich wieder keins.

Um 5 Uhr beschließe ich, den trockenen Vormittag noch oben zu genießen, mittags ENDLICH den ersten  Kaiserschmarrn meiner Tour zu essen und danach die 5 Stunden nach Hall abzusteigen. Zwei so Zitternächte hintereinander schaffe ich grad nicht.

Ich bin bis 9 Uhr (!!) im Bett, als ich ins Nebengebäude zu den Waschräumen gehe, stehen alle Zimmer offen und werden gerade gereinigt. Die Pilger sind schon losgepilgert. Wunderschöne, kleine Doppelzimmer, mit rot karierter Bettwäsche. Ich komme auf jeden Fall wieder hierher zurück. Eine Mit-Zähneputzerin erzählt, trotz Doppelzimmer habe sie kein Auge zugemacht, aus den Nebenzimmern und dem Lager wären Schnarchkonzerte in allen Tonlagen gedröhnt. Na dann doch lieber ein bisschen frieren…

Ich verbringe den noch trockenen Vormittag auf der Terrasse, schreibend, Kaffee trinkend, esse endlich den ersten Kaiserschmarrn meiner Tour als spätes Frühstück oder frühes Mittagessen. Evi fragt, ob mich der Dieselgenerator nachts gestört hätte. Nein, gar nicht (das klappern meiner Zähne war eh lauter.) Sie meint viele Leute würden sich darüber beschweren, dass sie den manchmal einfach laufen lassen müssen, aber ihre Handys wollen sie schon alle laden. Leute sind wohl manchmal komisch.

(Blogger-Frühstück :-))

Ich frage Evi ob das stimmt mit der Urne in der Kapelle.  Sie guckt mich überrascht an. „Na, der ist doch nicht in der Kapelle! Wir haben ihn genau neben dem Bankerl beerdigt, schau mal, da ist eine ganz kleine Steinplatte. Wir müssen da jetzt endlich mal ne Inschrift hin machen da war bislang keine Zeit.“ Für einen kurzen Moment kann ich gar nix sagen. Ich saß tatsächlich direkt neben ihm. Ob er nicht lieber auf der Wiese verstreut worden wäre, frage ich nach. Evi meint, das glaubt sie auch, sie hätte das schon gemacht, aber das sei ja nicht erlaubt. (Und wenn sie es doch heimlich gemacht hat, würde sie es sicher keiner Bloggerin mit inzwischen über 10 Followern erzählen ;-))

Um 13 Uhr packe ich mich zusammen, Evi lacht ungläubig „Du hast jetzt wirklich GENAU den Regen abgepasst oder?“ Es fängt gerade an. „Ich geh gern bei Regen, da ist der Rucksack immer so leicht!“ Heute ist der Tag, an dem ich wirklich glaube, dass der Regen „auf meiner Seite ist“.  Als ich den kleinen Trampelpfad Richtung Lafatscherjoch hochbiege, hört es schon wieder auf, die einzige „schwierige“ Stelle heute, eine gute Stunde und 400 hm ein steiles Schotter-und Geröllfeld hoch bis ich oben über ein Joch gehe um dann auf der anderen Seite ins Inntal abzusteigen.

(Da muss ich drüber…)

Es bleibt die ganze Zeit trocken, ich gewinne vergleichsweise schnell an Höhe und genieße den „Morgensport“. Steile Wände ragen links und rechts auf, ich lese später es ist eines der anspruchsvollsten Kletterparadiese, vor allem der fast senkrechte Felsen links, die Speckkarspitze. Für mich dann doch eher nicht. Der Weg ist nicht immer ersichtlich, aber perfekt markiert, jedes Mal wenn ich kurz überlegt welcher Schritt der nächste Sinnvolle ist, sehe ich die rot-weiß-rote Markierung an einem der Felsen (liebe Jachenau, da kannst du dir mal ein Beispiel dran nehmen!)

Als ich oben am Joch ankomme, läuft mir ein junger Mann entgegen, ich sag „Guten Morgen!“ er lacht. Ach so, es ist ja schon nach 14 Uhr;-) er geht umgekehrt, von Belluno nach München „willst du heute noch nach Hall?“ Ich bejahe. Er guckt in den Himmel. „Bist du sicher? Das ist schon noch weit. Steig doch lieber mit zurück zur Hütte, da kommt später noch was runter.“ Nach einem kurzen Blick auf meine Regenhose und Jacke ergänzt er „wobei, bist ja gut ausgerüstet.“ Das meine ich aber auch! Ich nehme es heute so bewusst war, dass ich über ein Joch gehe und somit eine Bergkette überschreite (es ist die südliche Karwendelkette, aber das hab ich natürlich nachlesen müssen…)

Oben steht ein Metallkreuz. Der Abstieg auf der anderen Seite wird von leichtem Niesel begleitet, man muss ein bisschen auf den Weg achten, aber es geht gut. Der Blick ist trotz Regen weit, karg, schroffe Felsen, beeindruckend. Weiter unten muss ich mich entscheiden, Forststrasse oder „Hirschbadsteig“. Ich nehme letzteren und finde mich durch hohe lila Blumenwiesen gehen, durch kleine Wälder und bald ist auch ein Bach wieder an meiner Seite.

Mein Freund der Regen startet 2 Minuten bevor ich das ehemalige Kloster Sankt Magdalena erreiche den ersten Platzregen meiner Tour. Das Kloster ist heute ein Gasthaus 🙂 Ich sprinte hinein, finde mich in einer warmen Stube und kurz drauf habe ich eine Tasse Kaffee und einen warmen Buchweizenkuchen vor mir. Und eine kleine schwarze verspielte Katze, die um meinen Kaffee herumschleicht.

Das ich ein Banause bin, weil ich Kuchen esse anstatt mir die bedeutende gotische Kirche gleich daneben anzugucken, wird mir mein Komma-Kollege, seines Zeichens auch noch Kirchen-Fan, morgen auf jeden Fall vorhalten…

Ich bin ein bisschen hinter der Zeit, würde gern kurz meinen Bruder der abends irgendwann unten auf mich wartet kontaktieren, keine Chance auf Netz! Ich frage den netten Buchweizen-Kuchen-Mann ob es ein Telefon gibt das ich vielleicht benutzen darf. Er guckt mich an als hätte ich nach dem nächsten Flug auf die Malediven gefragt.. „Mir hom doch koa TELEFON!!“ aber der Chef kommt in ner halben Stunde, dann hat er frei – er muss eh ins Tal, er nimmt mich gerne mit. Perfekt. Nach einer Stunde werde ich ein bisschen nervös, jetzt ist es gleich 18 Uhr, ich bekomme wieder dieselbe Zeit-Aussage mit der halben Stunde. (Äh sollte sich die Zeit nicht verkürzen??) Der Regen hat aufgehört. Wir vereinbaren dass ich schon mal los laufe, ich bleibe auf der Strasse, er sammelt mich dann ein. Ich jogge nach unten, kurz vor dem mit meinem Bruder vereinbarten Wanderparkplatz holt er mich dann ein. Endlich ist auch wieder Netz. Mein Bruder hängt noch im Büro fest, es wird später. Der Buchweizen-Kuchen-Mann, inzwischen weiß ich er heißt Harry, wartet höflich bis ich fertig telefoniert habe, und fragt, aus unserem Gespräch schließend:  „Ja willst du auf Innsbruck? Da fahr ich doch hin! Muss Würscht holen beim Metzger, da gibts die besten, wir sind da sehr eigen. Ja dahin kann ich dich mitnehmen.“ Besser geht es nicht! Wir haben eine so nette Fahrt, unterhalten uns über das selbstständig sein als Wirt und Koch, auch er tut sich manchmal schwer mit „den Leuten“. „Die denken sie sind alle ein Hauben-Koch, bloß weil sie mal den Fernseher eingeschalten haben! An einem Tisch sollst du servieren einmal Kaiserschmarrn, was asiatisches, was veganes und ein paar Austern, da wirst doch deppert.“ Was er am liebsten kocht, frage ich. „Is mir wurscht…“ Er schwärmt von Mittelamerika und wie zufrieden die Leute da sind. Plötzlich unterbricht er sich selbst: „Das ist doch langweilig! MEIN Leben kenn ich doch schon. Jetzt erzähl mal du!“ Im Nu ist die Fahrt verflogen, er lässt mich an der Innbrücke aussteigen, mein Bruder erreicht diese 2 Minuten später. So geht perfektes Timing, Danke REGEN!

In Innsbruck ist es trocken, wir bummeln gemeinsam ein bisschen durch die wunderschön Altstadt, ich kaufe bei Rituals eine neue kleine Sonnencreme 🙂 die alte ist fast leer, bekomme noch ein Mini-Mini-Duschgel oben drein. Das darf mit in den Rucksack. Ich habe das Inntal zu Fuß erreicht! Es ist so belebend plaudernd durch diese schöne Stadt zu schlendern. Wir holen Essen beim Chinesen, und haben einen lustigen und schönen Abend zu dritt.

Ich versuche die nächsten Tage zu planen, aufgrund Wetter habe ich Glungezerhütte und von dort die Grad-Wanderung zur Lizumer Hütte gestrichen (auch wenn dies eine der schönsten Etappen sein soll, es wird aber dringend abgeraten sie bei Regen zu gehen, die Orientierung würde dann schwer fallen und es wird auch gefährlich.) Ich werde alternativ durch das Voldertal aufsteigen. Die dortige Hütte verspricht auf ihrer Website sie sei der „München-Venedig-Wanderer-Geheimtip!“ Der Rother weiß: „Keine Gradwanderung aber schön, mehr Höhenmeter, aber immer ein Bach an der Seite, man muss kein Wasser mitnehmen.“ Das klingt alles sehr nach mir. Die Voldertalhütte hat für Donnerstag nichts mehr frei, für Freitag jedoch schon. Das Wetter am Donnerstag soll richtig schlecht werden. Damit ist es auch entschieden – es wird morgen ein Pausentag in Innsbruck eingelegt. Im Hotel Bruder ist die Couch noch für eine weitere Nacht frei. Statt Glungezerhütte wird es am Freitag die Voldertalhütte und danach bin ich dann genau wieder in meinem Plan. Danke Regen!

p.s. Und weil ich in einem IT-ler-Haushalt mit perfektem WLAN bin, gibt es auch mal wieder ein paar Bilder hier, der Rest wie immer auf FB.

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Hi, ich bin Katharina

Ein Jahr nach meinem München – Venedig Abenteuer versuche ich es erneut zu Fuß über die Alpen, diesmal „weiter drüben“. Seit 30.6.21 bin ich unterwegs von Salzburg nach Triest. 500 km, 26.000 Hm. Hier könnt ihr in Gedanken wieder mitlaufen!

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