München - Venedig

Traumpfad München – Venedig Tag 27. Unter dem Torre Venezia durch die südlichen Dolomiten

Tissi-Hütte bis Rifugio Bruto Carestiato. 765 hm hoch, 1.200 hm runter, 16 km. Unterkunft Rifugio B.Carestiato. Unterwegs von 8:30 Uhr bis 16 Uhr, reine Gehzeit ca. 7 Std. Sonne – Wolken – Mix, kurz leichter Niesel.

Der Sonnenbrand, der sich um den Bauch und über beide Hüften zieht, ist heute morgen kein optisches Problem, sondern ein „Logistisches“. Das Rot zieht sich exakt entlang der Linie, wo der Hüftgurt des Rucksacks aufliegt. (Nach einer halben Stunde werde ich den Schmerz nicht mehr spüren!) Im Trockenraum, wo nachts die Bergschuhe schlafen, sind nicht mehr viele Paare übrig. Der Mann hatte seine Schlafsack-Hülle unter der Matratze versteckt und ewig nicht gefunden. Macht nix, nur ein 6 Stunden Tag heute. Trotzdem sind fast keine Schuhe mehr übrig als wir die unseren anziehen. Ein unglaublich schönes Bergschuh-Paar sticht jedoch sofort ins Auge von einer weiteren „Spät-Losgeherin“. In edlem Dunkelblau, elegant mit Bordeaux abgesetzt. Ein Lowa-Schriftzug in selbigem Bordeaux. Schon klar, Bergschuhe müssen nicht schön sein. Aber wenn sie es doch sind? Wie edel dieser Schuh da im Regal thront, einer Göttin gleich. Eine ferne Erinnerung steigt in mir auf… Wo hab ich dieses Modell nur schon mal gesehen??

Globetrotter München, im Mai 2020. Ich brauche neue Bergschuhe. Ich plane von München nach Venedig zu laufen und von meinen heißgeliebten „alten“ sind bei einem meiner 20 km Isar-Trainingsläufe die Sohlen plötzlich mitten im Englischen Garten, kurz vorm Seehaus, abgefallen. (Ich bin dann aber nicht umgekehrt, sondern die verbliebenen 16 km in meinen FlipFlops, die zufällig im extra schwer gepackten Rucksack waren, weiter gelaufen :-)) Nun war auch die Frage entschieden, ob ich mir für die Tour noch Neue kaufen werde. In diversen Foren hatte ich schon mitbekommen, dass es einen erbitterten Kampf gibt zwischen der „Leicht-Schuh-Wander-Fraktion“ und der der schweren Bergstiefel, wasserdicht, robust. Mir ist klar, ich will „leichte“, ich werde doch nicht im Rucksack jedes Gramm optimieren um mir dann ein Pfund mehr an die Füße zu binden? Das ist Unsinn. Der Verkäufer hatte eine andere Meinung. Und ich danke ihm seit 7.7. bald jeden Tag, dass er die alte Verkäufer-Regel „der Kunde hat immer recht“ hier so hartnäckig ignoriert hat. Gut, er hätte charmanter sein können. Anders argumentieren. Nicht so…

Ich war umringt von „schweren“ Bergstiefeln, die seiner Meinung nach geeignet seien. Was für Klötze. Ich ging zum Regal, schnappte mir einen schicken, leichten Lowa  und fragte unschuldig, ob er mir den bitte auch noch in meiner Größe bringen könnte? Nur so zum Vergleich? Es war echt viel los, die ganze Welt wollte kurz nach Corona-Wiedereröffnung der Geschäfte Bergschuhe kaufen, er turnte zwischen mir und 5 anderen Bergschuh-Interessenten mit großen Kartons umher. Dank Mundschutz konnte ich nicht sehen wie genervt er war, aber hören. Er sagte O-Ton: „Du warst doch die, mit dem nach Venedig laufen?? Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass du mit DEM Gewicht (dabei hat er in einer ausladenden Bewegung auf mich gezeigt) in LEICHTEN Schuhen bis nach Venedig kommst? Niemals!“  Er hätte wirklich „anders“ argumentieren können.

Aber womit er recht hatte: Wie froh ich bin, dass die Dinger 100% wasserdicht sind. Ich bin durch bestimmt 50 Flüsse bislang durch, da nicht auf den 3 im Flussbett zu weit auseinander liegenden Steinen rumbalancieren zu müssen, sondern auch mal ins Wasser steigend einen Zwischenschritt machen können, ist für mich, der schon ohne wackligen Rucksack nicht SOOO gut im Balancieren ist, echt ein Geschenk. Oder dass bei Regen die Füße warm und trocken bleiben. Immer, auch wenn es sonst überall am Körper kalt ist. Er meinte, es sei die Hölle auf einer Hüttentour, wenn einmal die Schuhe richtig nass waren, das bekommt man die nächsten drei Tage nicht mehr raus. Dass sie auch nach 7 Stunden, wenn ich anfange schlampig zu gehen und mit den Füßen gegen jeden zweiten mir im Weg rumstehenden Felsen haue, alles abfedern. Ich hätte sonst vermutlich alle Zehennägel schon einmal verloren. Aus dem Meer an (schweren) Schuhen blieben dann letztendlich zwei übrig. Ein blauer, mit türkis abgesetzt und einer mit Bordeaux….Ich hab sie ewig zum Vergleich getragen, konnte mich nicht entscheiden. Bis eine junge Französin, die dort auch zum Schuhkauf saß meinte, das sei doch keine Frage, der mit dem Bordeaux sei doch viel schöner? Der Verkäufer meinte, er würde auch zu dem raten, er sei nicht so hart wie der andere, auf längeren Touren hätte ich mit dem mehr Spaß. Und so ist es bis heute! Es war eine so gute Wahl und ist mir bis heute ein so toller Begleiter auf meinem langen Weg. UND ER WAR MAL SO SCHÖN!! Da im Regal steht „mein“ Schuh, wie er vor 3 Monaten aussah. Niemand käme auf die Idee, dass das graue, abgetragene Paar daneben Derselbe sein könnte… Er sieht aus, als wäre er 100 Jahre alt. Inkl. Trainingseinheiten hat er inzwischen über 1.000 gelaufene Kilometer in den Sohlen, viele Schlammlöcher, Schneefelder, Matschwiesen, Geröllwege und Gipfel durchschritten und erklommen. Alles in den letzten 3 Monaten…

Als ob mich der Tag daran erinnern möchte, dass Bergschuhe zum Gebrauch und nicht zur Optik da sind, steig ich auf der durchnässten Wiese gleich mal knöcheltief in ein Schlammloch. Mir fällt wieder ein, wo das schöne „blau“ geblieben ist. Es war nicht mein Erstes. Wir steigen erstmal denselben Weg wieder ab, alles runter, was wir später wo anders wieder hoch gehen.

Es ist für nachmittags Regen angekündigt, die Wolken formieren sich schon dafür und so ist es nicht so heiß. Die Landschaft ist grandios und nach knapp 2 Stunden erreichen wir die schöne Vazzoler Hütte, neue steil aufragende Felswände vor deren Biergarten. Wir trinken unseren zweiten Kaffee. Der linke ist der Torre Venezia, der uns, wie der Rother heute schreibt, mal wieder an unser eigentliches Ziel erinnern soll, welches uns vielleicht bei all den Schönheiten der letzten Tagen ein wenig aus dem Gedächtnis gefallen ist?

Hinter dem Haus ist eine kleine Kapelle, die zum Gedenken aller Kletterer erbaut wurde, die an dieser mächtigen Wand zwischen Torre Venezia und Torre Triest ihr Leben ließen. Der erste Eintrag auf der Steintafel ist von 1907. 1955 jemand aus „Monaco di Bavaria“. 1974 jemand aus Stuttgart. Die Einträge enden 2003. Ich kenne auch jemanden, der sein erwachsenes Kind bei einem Kletterunfall verloren hat und es tut mir in diesem Moment so unsagbar leid. Warum Leben manchmal so weh tun muss, Schmerz der jahrelang, vielleicht für immer, anhält. Man sieht an den Einträgen auch einige Seilschaften, Menschen die zu zweit in den Tod gestürzt sind. Wir finden keine Antwort, was wohl das schlimmere Schicksal ist. Gemeinsam abstürzen oder als „der Überlebende“ aus der Wand zu steigen, sich ein Leben lang fragend ob und wie man es hätte vermeiden können.

Wir gehen nachdenklich weiter, versuchen das Tempo zu halten, es ist Regen angekündigt, der Nachmittags in Gewitter umschlagen soll. Der Regen erwischt uns auch später, kurz vor der Forcella der Camp. Nicht schlimm aber die Regenjacken werden ausgepackt.

Kurz drauf steht mal wieder eine Kuhherde vor uns auf dem Weg, die – anstatt einfach zur Seite zu gehen – ewig vor uns herläuft.

Irgendwann beschließen alle gleichzeitig links und rechts ins Gebüsch auszuweichen, sie wollen offensichtlich doch nicht bis zum Rifugio Bruto Carestiato mitlaufen. Das Risiko, dort in der abendlichen Pasta Bolognese zu landen, ist ihnen wohl doch zu hoch. Die Rother App ist heute ziemlich ungenau, die Waypoints verlaufen entweder ganz wo anders  oder ein Stück parallel zum klar erkennbaren Weg. Aber heute ist alles gut ausgeschildert, wir folgen somit lieber der Beschilderung. Trotzdem stresst das irgendwie, man versucht doch immer irgendwie auf der Karte abzuchecken, wo man gerade ist. Der Mann macht sich Sorgen, ob der Weg auf dem wir nun sind, vielleicht ausgesetzt sein könnte. Wir queren ein großes Geröllfeld, gehen um ein fieses Schneefeld ganz unten drumrum, man kann sehen dass es nur aus einer dünnen Schneeschicht besteht und drunter alles unterhöhlt ist. Es sind auch keine Spuren drauf. Ein paar Mountainbiker überholen uns, die ihre riesigen fetten Räder über den Kopf an uns vorbei tragen.

Wir sind beide froh, als wir endlich das Rifugio erreichen. Das Gewitter saß uns ein bisschen im Nacken, wir merken, dass seit unserem schönen Kaffee-Stop im Valdozzer eher „Ankommen“ nicht „Unterwegs sein“ auf unserer Agenda stand. Obwohl wir echt schnell gelaufen sind, waren wir eine Stunde hinter der Zeit. Ich fühle mich wie Momo in der Szene wo sie vor den grauen Herren wegläuft, und je schneller sie läuft umso langsamer wird. Der Trick war damals, langsamer zu gehen um schneller zu werden. Für meine gesamte Tour trifft dieses Bild so gut zu. Ein bisschen langsamer dafür gut und sicher. Aber heute wollten wir wirklich „Ankommen“. Vor dem Gewitter. Wir sind beide auch ziemlich kaputt, obwohl es kein besonders langer, anstrengender Weg war, nicht viele Höhenmeter.

Die Hütte liegt schon wieder so schön, es sind nur 3 italienische Paare da die auch übernachten, keine Tagesgäste. Für uns ist das „toll“ aber man merkt hier die „Corona-Bedrücktheit“  schon sehr. Keine Gondel in der Nähe, die die ausbleibenden Übernachtungsgäste mit einer Verdreifachung der Tagesgäste kompensiert, wie in vielen anderen „besser“ gelegenen Hütten. Eine Angestellte meint, das sei schon alles nicht einfach dieses Jahr. Jeder trägt Mundschutz, beim Frühstücksbuffet herrscht „Handschuh-Pflicht“, die schon am Tisch ausliegen. Niemand stellt das in Frage. In Berlin finden zeitgleich „Anti-Corona-Demos“ in Berlin statt. Wie unterschiedlich Menschen Situationen einschätzen, und jeder so fest überzeugt ist „Recht“ zu haben, fasziniert mich immer wieder.

Die Sonne kommt nochmal raus, so dass wir eine halbe Stunde auf der Terrasse haben. Wir haben ein Vierbett-Stockbett Zimmer für uns alleine. Das Duschkonzept ist hier wieder ganz anders. Statt vorab zu erwerbender Duschmarken gehen hier ganz normale Ein-Euro-Münzen, die wirft man ein und das warme Wasser geht dann 2 Minuten. Dann kann man theoretisch nachwerfen. Psychologisch ist das ziemlich schlau. Weil wenn man schon mal drin steht und gerne länger duschen wollen würde als die normale Duschmarke hergibt, tappt man nicht tropfnass zum Wirt und kauft eine Neue Dusch-Marke. Aber so hatte ich mal 4 Euro Münzen aufgestapelt dabei auf dem Zählgerät liegen, nur so. Als Reserve, falls was nicht gleich funktioniert…Die nächsten 10 Minuten werde ich wie so ein Spielautomaten-Süchtiger immer wieder aus der Dusche raus zum Münzschlitz tappen und noch einen Euro nachwerfen. (Und ich gewinne jedes Mal! Immer wieder kommt warmes Wasser!!)

Abends gibt es Lasagne als „Vorspeise“ und Polenta mit Käse als „Hauptgang“. Zum Dessert Panna Cotta. Ich habe seit ein paar Tagen soviel Hunger wie der 23kg Gepäckträger Mann und die beiden Studenten zusammen. Ich habe in den ersten Wochen nie das Halbpensionsmenü genommen, weil ich gar nicht wusste wie man das alles essen soll. Der Mann gibt mir noch seinen halben Nachtisch, ich habe immer noch Hunger.

Hier sind keine München – Venedig Geher, die meisten gehen die knappe Stunde weiter bis zum Passo Duran, in das Rifugio San Sebastiano. Dessen Betreiber haben ein Problem gelöst, dass in „normalen“ Jahren ca. 1.000 München – Venedig Geher haben: Man braucht auf allen 30 Tagesetappen nur einen halben Tag ein Klettersteig-Set, an diesem braucht man es aber dringend. Zur Begehung der Schiara, der letzte Abstieg aus den Dolomiten hinaus, ein langer und anspruchsvoller Klettersteig der Kategorie C, der nur erfahrenen Kletterern empfohlen wird. Niemand will so ein schweres Ding an 29,5 Tagen „sinnlos“ mitschleppen. Das San Sebastiano bietet an a) man kann sein eigenes dort hin schicken oder b) man kann sich eines ausleihen, dass man dann 3 Tage später in dem Agriturismo Le Noci wieder abgibt,  verbunden mit der Bitte, dann dort auch zu übernachten, Es ist sicher nicht das drängendste Problem der Menschheit das hier gelöst wurde, aber ich liebe solche Geschichten. Es ist so schön, wenn jemand ein Problem erkennt, ein bisschen nachdenkt, ein bisschen kreativ ist, eine Lösung findet und diese anbietet. Dank Technik verbreiten sich solche Infos heute schneller als je zuvor. Anderen das Leben leichter machen und letztendlich selbst auch damit Geld verdienen, weil nun eben fast alle dort übernachten.

Wir werden den Schiara-Klettersteig nicht gehen, das trauen wir uns einfach nicht zu. Vor allem der Abstieg auf der anderen Seite ist wohl sehr schwer, viele die umgekehrt von Belluno aus gehen sagen, so rum geht es einfacher. Wir werden entweder vom Rifugio Bianchet absteigen oder, wenn das Wetter so schlecht wird wie es gemeldet ist, vom Rifugio Sommeriva di Pramperet. Wir haben nochmal umgebucht, die morgige  Etappe um einen steilen und bei Regen schwer zu gehenden Schlussanstieg gekürzt, und bleiben statt im Pian die Fontana nun im Sommeriva di Pramperet. Da geht es morgen hin.

 

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Hi, ich bin Katharina

Ein Jahr nach meinem München – Venedig Abenteuer versuche ich es erneut zu Fuß über die Alpen, diesmal „weiter drüben“. Seit 30.6.21 bin ich unterwegs von Salzburg nach Triest. 500 km, 26.000 Hm. Hier könnt ihr in Gedanken wieder mitlaufen!

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