Tag 11 Salzburg – Triest: Einfach nüber

Samstag, 10.07.21

Schutzhaus Neubau – Fraganter Schutzhaus, 1.150 hm rauf, 1.500 runter, 19,5 km reine Gehzeit: 8,5 Std.

GESCHAFFT!!!

Es hat funktioniert: Einfach nüber!!

Es war die ganze Panik gar nicht wert, es ging nicht nur so gut sondern war einfach ein traumhaft schöner Tag, eine echte Highlight-Etappe! Ich kann nicht glauben, dass ich überlegt hatte, das zu umgehen.

Die Jungs haben gestern irgendwo Gold gewaschen. Und auch gefunden, ein paar Flocken, die tragen sie jetzt stolz in einem Glasröhrchen mit sich herum und glauben den Rest der Tour damit bezahlen zu können…. Ich habe auch welches gefunden. Es fließt durch meine Adern, ich fühle mich so glücklich und stolz und lebendig. GESCHAFFT!!! Und – noch viel wichtiger: Genossen! (Fast) jede Minute…

Um halb 6 sind wir alle wach, ab 6 Uhr gibts Frühstück, um kurz nach 7 stehen der blaue Punkt und der blaue Strich übereinander. Wir laufen alle getrennt los, finden uns dann aber doch schnell als Seilschaft zusammen und bleiben es für den Rest des Tages auch. Erstes Ziel ist die Fraganter Scharte, die uns mit einem großen Schritt vom Salzburger Land nach Kärntern befördert. Es sind die ersten 600 HM des Tages, steil, aber der Weg ist völlig ok zu gehen. Feste Tritte, kaum Geröll. Die wenigen Schneefelder sind kein Problem. Mira findet die besten Wege drüber, David haut die besten Tritte in den Schnee, Fred hat die coolste Kamera in seinem Handy und macht die genialsten Bilder. Und ich – ich bin auch dabei!

Um kurz vor 9 Uhr sind wir schon oben! Von der Fraganter Scharte sehen wir Skifahrer, dort steigen wir ab, es geht an einem Stausee vorbei. Hier muss man sich mal ein bisschen orientieren und auch gucken wo man das Schneefeld überquert (nicht da wo der Fluss drunter geht, sondern da wo Tunnel ist) aber zu viert lässt es sich gut in alle Richtungen ausströmen und den besten Weg finden. Um halb 11 sitzen wir vergnügt im Weißseehaus und trinken eine heiße Schoki. Es war alles total einfach bis hierher, ich kann nicht glauben dass mein Plan A war, hier jetzt zu übernachten? Natürlich geh ich weiter mit! Ich fühle mich total fit und freue mich auf die weiteren Stunden. Aber jetzt ruf ich doch kurz im Fraganter Schutzhaus an, streng genommen braucht es ja eine Reservierung wegen Corona, auch wenn ich im alpsonline buchungsportal gesehen habe, dass alles frei ist. Ein Wirt, der dann spät abends blöd tut wäre einer zu viel. Vor allem heute. Ich hatte meine Reservierung ja storniert für den Tag, weil ich dachte ich schaff das nie. Sie heben gleich ab. „Nein, für heute sind wir voll.“  Wiiiieeeee Bitte?? Im Internet ist doch alles frei? Ach da gucken sie ja gar nicht rein, sie haben irgendwie grad ständig Doppelbuchungen. Ja vielleicht … deswegen?? Nach ein bisschen hin und her bekomme ich einen Notplatzlager. Ich soll dann gleich nach ihm fragen, wenn ich ankomme, er kümmert sich persönlich drum. Das ist sehr nett aber grundsätzlich echt schräg. Gut, dass ich angerufen habe.

Es geht vergnügt weiter, die Landschaft immer schöner, an Seen vorbei, Fernblick in alle Richtungen. Die nächste steile Scharte gilt es nun zu überqueren, die Saustellscharte. Ein steiler Anstieg, dann geht es wieder runter. Auf der anderen Seite dann wieder hoch. Die anderen reden sich ein, das „dann wieder hoch“ wäre schon die Ochsenscharte, der „schlimmste“ und anstrengendste Teil des Tages. Ich wünsche es mir, kann es aber nicht so recht glauben. Das wäre irgendwie zu einfach…Andererseits dauert es doch schon länger als gedacht, bis man da oben ist, man muss auch ein bisschen gucken, wo es eigentlich lang geht, wo die Markierungen sind zum Teil doch noch unter Schnee. Als wir endlich oben ankommen, liegt das Schild am Boden. David hebt es auf, wir gucken voll Spannung drauf was da steht und ein kurzer Moment der Enttäuschung breitet sich aus: Saustellscharte. Gut wenn man weiß, das Schlimmste steht einem also doch noch bevor…

Die Ochsenscharte. Sie war vor nur 10 Tagen wohl wegen Schnee noch nicht begehbar, jetzt ist kein Schnee mehr da. Wir haben also eigentlich Glück. Es fühlt sich nur nicht unbedingt so an…Es ist Steil? Es ist wieder mal eine der Situationen, wo man unten steht und ratlos rumguckt, wo es da bitte hochgehen soll. da KANN man nirgends drüber. Bis irgendein Adlerauge irgendwo rote Markierungen am Felsen entdeckt. Und man es einfach nicht glauben will!!

Aber wir wissen: Es sind „nur“ 300 HM, das schafft man immer. Irgendwie. Manchmal dauert es nur länger. So wie bei mir. Aber Ich hatte solche Abschnitte auch schon über 700 Hm lang. Da überlegt man in der Mitte durchaus mal, jetzt hier einfach liegen zu bleiben um zu sterben. Nicht hier und heute. 300 HM schaff man IMMER! Mira und Fred haben schnell den Ehrgeiz, zumindest nicht von dem sehr sehr alten Mann überholt zu werden, der grad unten startet. Er läuft mit nacktem Oberkörper, David tauft ihn auf Indianer Lederhaut. Wir sind so auf der Hälfte. Mich holt er natürlich doch ein. Aber eigentlich ist das ja logisch: Der hatte schließlich schon viel länger Zeit im Leben, zu trainieren! David wartet ein bisschen, zeigt mir wo der Weg geht, was einen Ticken angenehmer ist als die eh schon steilen Serpentinen senkrecht zu queren.

Kurz vor dem vermeintlich höchsten Punkt die meines Erachtens gefährlichste Stelle des Tages, wahrscheinlich sogar seit Beginn der Tour: Nur eine wenige Meter lange Querung, aber da jetzt ausrutschen, das wärs dann. Keine Chance das irgendwo weiter unten aufzufangen. Die Erde ist feucht, ich packe die Stecken weg. Das ist genau so eine Situation, wo STecken eher stören. Zwei Schritte und ich bin drüber. Oben dann Jubelparty, geschafft, jetzt gehts nur noch abwärts. Wir bestätigen uns gegenseitig, wie langweilig das war, und was wir heute Abend noch für extra Sporteinheiten einlegen, einmal am Tag will man sich ja doch ein wenig auspowern, den Puls ein BISSCHEN hochbringen😉

Als wir um die Ecke gucken – Nervenzusammenbruch! Es geht noch weiter nach oben. Aber nicht mehr lange. Dann gehts wirklich nur noch runter, 800 hm. Lang. Wir sind alle sehr positiv überrascht, dass es auf der anderen Seite viel humaner runter geht, vernünftige Wege, angenehme Steigung, bald hauptsächlich über Wiesen. Das ist ja eine unerwartete Überraschung.

Das Wetter ist perfekt, es ist klare Sicht in alle Richtungen, oft sonnig, aber auch bewölkt und damit nicht so heiß. Besser könnte es wirklich nicht.

Eine halbe Stunde vorm Tagesziel lässt sich Mira in die Wiese fallen und guckt in die Berge. „Ist doch völlig egal ob wir um halb 5 oder um 5 an der Hütte sind. Hier ist es schön und ruhig.“  Moment. das ist doch immer MEIN Spruch! Die Jungs wollen zum Weißbier, wir liegen hier noch eine Weile und lassen diesen schönen Tag nachwirken. Hat man die letzten Tage viel Gelegenheit „zurück“ zu schauen, was schon alles geschafft ist, sieht man von hier „nach Vorne“  Eine neue Perspektive.

 

Hätten wir gewusst, was für ein Chaos unten an der Hütte herrscht, wären wir wohl noch länger liegen geblieben. Irgendwann aber ist die Sonne weg.. Die Jungs holen wir trotzdem noch ein. „Ihr habt gar nicht Pause gemacht!“ maulen sie. „Doch, aber ihr seid halt echt unglaublich langsam!“ Die letzten Meter zu dieser wunderschön gelegenen Unterkunft sind wie immer großartig, dieses erhebende Gefühl man ist gleich da.

Bei der Ankunft dann die Überraschung: Alle Reservierungen sind weg. Nur ich bin „angekündigt“ von meinem Anruf mittags. Wieder die Aussage, sie sind voll heute. Wir kommen alle ins Notlager. Dafür geht es in den Keller, vorbei an Heizungsrohren und am zweiten Schuhtrockenraum. Direkt dahinter unser Lager. Das wir 4 für uns alleine haben. Holzklasse. Da wo auf der Titanic schon die besten Parties stattfanden. Wir hätten ALLE Voraussetzungen für eine gute Party: Nette Leute, Location für uns, vor unserer Tür das Getränkelager mit ca. 20 vollen BierKästen….

Wir sitzen draußen zum essen, warten ewig, erfahren nach einer Stunde wir müssen umbestellen, Spaghetti Bolognese und Schnitzel seien zu kompliziert, Wild mit Semmelknödel, Hirtenspieß und Kässpatzn ginge dagegen leicht? Die Jungs bestellen um, wir hatten gleich schon Hirtenspieß und Kässpatzn bestellt. Es herrscht Riesenchaos. Zu trinken gibts den ganzen Abend nix mehr. Aber Kaiserschmarren geht komischerweise wieder ganz leicht. David besteht drauf einen für sich alleine zu haben, er wird nicht teilen! Wir andern 3 teilen uns einen Blauberrschmarren. Der großartig schmeckt. Wir müssen mal über die wirklich großen Gender-Ungerechtigkeiten auf dieser Welt sprechen. Gender Paygap, wenig weibliche Führungskräfte? Geschenkt. Aber warum können Männer immer so viel mehr essen, wieso verstoffwechseln sie Sport so völlig anders??? DA muss die Politik doch mal was machen!!! DAS ist  SOOO ungerecht!! Um 8 fallen wir satt in unsere Betten. Nur so, einfach schon mal hinlegen. Um 20:15 schlägt jemand vor, das Licht auszumachen. Nur so. Eine Minute später sind alle eingeschlafen. Es hätte wirklich eine coole Party werden können…

Was für ein Perlentag! Ich habe es wirklich geschafft!

5 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Liebe Katharina,

    in Deinem „Ich habe es wirklich geschafft!“ lese ich unheimlich viel innere Ruhe und Zufriedenheit raus, die Du Dir mit Deiner aktuellen Leistung auch wieder so richtig verdient hast. Ich freue mich über jeden Tag, den ich hier mit Deinen Berichten miterleben darf und bin schon gespannt, wie es weiter geht.

    Ich wünsche Dir für die kommenden Tage gutes Wetter und viele schöne Erlebnisse. 🙂

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    • Katharina Ehrhardt
      16. Juli 2021 10:51

      DANKE! Ja ich bin echt glücklich. Aktuell sitze ich in der Käserei der Tröpolacher Alm und gucke meinem Bruder beim Arbeiten zu. Auch eine sehr meditative Beschäftigung 🙂 Der verbringt hier seinen Sommer. Erster Pausentag seit über zwei Wochen! Und mir tut NIX weh. Ich hab mir soviele Salben, Pflaster etc. Hierher geschickt als Reserve und brauche NICHTS davon… Ich hoffe es geht dir auch gut! Ganz liebe Grüße, Katharina

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  • „Was für ein Perlentag! Ich habe es wirklich geschafft!“

    Und schon hab ich wieder Tränen in den Augen, vor lauter Stolz 🥲!

    Du bist der Wahnsinn! Wie gut, das du dieses schwere Stück nicht alleine gehen musstest.

    Und nächstes Jahr der Kilimandscharo 🏔

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  • Hallo Katharina,
    auch hier nochmal ein Kommentar von mir. Du liest Dich so glücklich und zufrieden – perfekt! Mit der Einstellung schaffst Du den Kili lässig (da war ich vor 2 Jahren – einfach unglaublich)
    Viel Spaß auch weiterhin!

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    • Katharina Ehrhardt
      17. Juli 2021 10:16

      Danke Dörthe. Heute lauf ich erstmal nach Italien 🇮🇹. Das ist „immer“ so besonders, dieses „Ich-bin-zu-Fuß-nach-Italien-gelaufen“ Gefühl.

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Hi, ich bin Katharina

Ein Jahr nach meinem München – Venedig Abenteuer versuche ich es erneut zu Fuß über die Alpen, diesmal „weiter drüben“. Seit 30.6.21 bin ich unterwegs von Salzburg nach Triest. 500 km, 26.000 Hm. Hier könnt ihr in Gedanken wieder mitlaufen!

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