Salzburg - Triest

Tag 17 Salzburg – Triest: Pausentag auf der Tröpolacher Alm

Freitag, 16.07.21

Gelaufene Höhenmeter: Nix. Gelaufene Strecke: ungefähr 500 Meter

Ich werde um 3 Uhr nachts wach, weil ich denke dass ich … angebratenen SPECK rieche?? Ich schiebe es auf einen (besonders schönen) Traum, erfahre später aber, doch, da waren die ersten wach die sich Frühstück gemacht haben… Ich werde gegen 9 Uhr zum offiziellen Almfrühstück geweckt. Mein Bruder steht mit einer Baby-Ziege im Arm unter meinem Balkon

Alle sitzen gemeinsam am Tisch, alle (außer mir) arbeiten seit 3 oder 4 Uhr morgens. Der Tisch biegt sich mit Käse, Speck, Joghurt, alles hier vom Hof! Ich bin ab jetzt erst recht verdorben für den Rest der anstehenden „Hüttenfrühstücke“.

Und dann weiß ich auch nicht mehr so genau, was ich alles gemacht habe. Eigentlich nichts, nur so in den Tag hinein gelebt. Geredet. Mich bisschen sortiert. Unglaublich viel gegessen. Lucy ein bisschen beim Käsemachen zugesehen. Irgendein Käse braucht über 80 Grad. Mein IPad beschlägt. Sich die Klamotten auszuziehen und das hier als Sauna zu nutzen: Vermutlich nicht angemessen. Ich muss mich benehmen, mein Bruder arbeitet hier. Vor allem weil immer mal wieder Gäste kommen, die durch die Käserei in die Wirtsstube gelangen.

Ich bin so erstaunt, wie divers der Trupp hier oben ist. Eine Motorradmechanikerin, Leute aus der Gastronomie, Tiermediziner, mein Bruder der IT-ler, Studenten. Man hört alle Dialekte, bis hin zu reinstem Hochdeutsch. Hannover! Die einzige Gegend in Deutschland, die GAR keinen Dialekt hat. Lucy promoviert gerade in Tiermedizin, ist jetzt aber am liebsten in der Käserei. „Das ist so toll“ schwärmt sie, „ein reines Naturprodukt, da ist NICHTS künstliches drin.“ Wir sprechen lange über Tierhaltung, sie hat sich als Tiermedizinerin viele Gedanken dazu gemacht, wie man „richtig“ lebt. „Es wird schon sehr viel Fleisch gegessen“ sagt sie, „vermutlich zu viel.“ Es gibt da immer so schwer „richtige“ Antworten drauf. Aber darüber nachdenken sollte man schon. Was für einen selbst passt.

Auch ein sehr vertrauter, lange nicht mehr gehörter Dialekt ist dabei: Schwäbisch! Eine junge Dame aus Heilbronn. Sie schlägt abends beim Essen vor, man könne doch nächste Woche mal Linsen mit Spätzle kochen! Der männliche Teil der Tischrunde guckt wenig begeistert… „Menschen die zwei Beilagen essen und es als Hauptgericht deklarieren sind mir suspekt!“ sagt mein Bruder… Ein Teil der Tischrunde nickt. Meine interkulturelle Kompetenz einbringend, schlage ich vor, man kann auch Wiener dazu essen. Das habe ich in 14 Jahren schwäbischer W&W Kantine gelernt! Das hebt die Begeisterung aber nur unwesentlich.

Einen Schreiner gibt es hier oben auch, er heißt „Eder“ und wird – Überraschung – von allen Meister Eder genannt. Ein sehr freundlicher, älterer Herr. Ich bin stolz auf mich, mir jegliche Kobold-Kommentare zu verkneifen, vermutlich hat er sie in seinem Schreiner-Leben alle schon gehört…

Vermutlich hat Christian, der 32-jährige Chef hier, für seinen Almbetrieb keine Diversity Charta unterschrieben, keine Gender Priciples of irgendwhat unterzeichnet hat. Aber er lebt es, so völlig selbstverständlich. Was das Team hier eint ist die Begeisterung dafür hier oben sein zu dürfen. Sonst sind sie grundverschieden, von ihrem Backround, von ihrer Mentalität. Ob ihm bewusst ist, was er da für ein gutes Händchen, für ein Talent hat gute Teams zu bauen, will ich später von ihm wissen. Die Verständigung mit ihm ist nicht völlig barrierefrei, das gebe ich zu, aber er gibt sich Mühe. Ich versuche mal zu übersetzen, was ich glaube verstanden zu haben: „Erstens: du musst deine Leut gut zahlen. Das ist wichtig. Du musst sie anmelden. Dann musst du ihnen einen Tag frei geben pro Woche, das bringt doch nix, wenn dann doch ständig einer umfällt.“ Mein Bruder hatte sich ja auf vielen Almen beworben, es ist oft üblich: 7 Tage die Woche, 4 Monate, von 3 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Kein Tag frei. „Das ist doch ein Krampf. Lieber einen mehr einstellen, und alle bleiben mit Freude dabei und können auch mal ausschlafen. Dann: Man muss ehrlich sein mit den Leuten, ihnen schon sagen: es ist viel Arbeit und harte Arbeit und wenig Schlaf. Ehrlich muss man sein. Und dann muss man sie machen lassen. Nicht dauernd reinreden. Einfach machen lassen. Die lernen das schon. Das nervt doch jeden, wenn immer einer daneben steht und sagt machs so und net so.“  Dass das im Management-Sprech „Empowerment“ heißt und grad „Der letzte Schrei“ ist, weiß er vermutlich gar nicht. Er macht es einfach. Mir geht das Herz über. Vor allem wenn man sieht, es funktioniert. Freude an der Arbeit ist auch noch wichtig, ergänzt er, biserl Spass zusammen haben. „Schau deinen Bruder, der ist mir fast durchs Telefon gehupft als ich ihm zugesagt hab.“ Neben dem, das mein Bruder das unbedingt wollte, scheint sein größter Vorteil sein Alter zu sein. Er ist mit 35 der Älteste hier. „Das ist super!“ sagt Christian „Der ist so alt, da läuft mit den jungen Mädels hier nix mehr. Da hat man sonst nur Scherereien.“

So – Bitteschön liebe mitlesenden Führungskräfte: Die wichtigsten Grundsätze von Modern Leadership Made by Tröpolacher Alm. Dankt mir später! Er hat so recht. Mit allem. Ich beobachte dann noch ein paar Kleinigkeiten, die mir auch imponieren. Dass er schon immer (ganz unauffällig) ein Auge auf alle hat. Aber eben nicht darauf, was sie wie machen, sondern wie es jedem geht,  wieviel Schlaf z.B. jeder bekommt, wann wer ins Bett ging, wer Mittagsschlaf ausfallen lassen musste. Ich habe auch den Eindruck, er packt bei den „blöden“ Tätigkeiten mit an, delegiert es nicht einfach weg. Er ist wirklich ein Vorbild für echtes Leadership. Und hat sich bereits mit 22 selbstständig gemacht! Ich komme mir kurz „blöd“ vor mit 43 da so lange überlegt zu haben…

Überall gibt es Handynetz! Irgendwann ruft mein Bruder an, falls ich dem Einzug der Gladiatoren beiwohnen will, soll ich jetzt zum Stall kommen. Ich springe raus, und tatsächlich, die Ziegenherde trottet freiwillig, angeführt von einer Chef-Ziege, über die Wiese zum Stall und zum Melken.

Das ist heute der Job meines Bruders. Er macht das sehr gut. Soweit ich das beurteilen kann ;-)) Hinten in einem kleinen Gehege sind die zwei Baby-Ziegenböcke Max und Florian. (Gut dass mir der Enkel am Statzerhaus erklärt hat, was ein Ziegenbock ist, das wüsste ich ja sonst gar nicht 🙄) Florian ist nach meinem Bruder benannt. Sie werden später mit der Flasche gefüttert. Ich darf Florian die Flasche geben!! Das hab ich vor 34 Jahren auch schon gemacht….Die zwei sind so frech und aus purem Zucker. Ich schmelze dahin… Irgendwann ein Anruf, wo wir blieben, es gibt Abendessen? Ziegenbabies fertig füttern oder selbst essen… Schwierige Entscheidung… NEIN…. Wir warten bis beide satt sind.

 

Dann gibts für uns Essen. Spaghetti Bolognese! Juhuuuu!! Es stehen riesige Töpfe auf dem Tisch und ich glaube ich habe noch nie 9 Menschen gesehen, die gleichzeitig so unfassbar viel essen…Kann sich ein  Almbetrieb lohnen, in dem die Mitarbeiter täglich mehr Essen, als sie produzieren????

„Das schmeckt so so so so gut!“ sage ich. Die Köchin verdreht die Augen. „Man merkt, dass du seine Schwester bist. Er kann das auch 5 Tage hintereinander immer wieder sagen!“ „Kochst halt gut“ sagt mein Bruder mit vollen Backen. Ich bin in dem Moment sehr stolz auf ihn. Das, genau DAS ist die Grundphilosophie von Positiver Psychologie, meiner Lieblingsdisziplin seit vielen Jahren: Menschen mit dem „grünen Stift“ bewerten, den Rotstift, den wir alle so gut kennen, einfach mal wegpacken. Als alle satt sind, jeder 2- 5 Teller Nudeln gegessen hat, einen Brownie als Nachtisch, ist immer noch ein halber Topf Nudeln da. Die Köchin Rebecca rechnet immer wieder nach: „Aber wir SIND doch 9 Leute? Was hab ich falsch gerechnet?? Wieso ist so viel übrig? Wir SIND doch 9?“ Sie zählt nochmal alle Anwesenden durch…„Mit wieviel hast du 9 den multipliziert?“ will ich wissen. Ich vermute den Fehler ja eher im zweiten Teil der Formel…  „Na mit 200. Und dann nochmal 500 g extra. Zur Sicherheit.“ hahaha. Die Geiger würden sich hier wohlfühlen. Die hatten letztes Jahr in Belluno mit leuchtenden Augen erzählt, sie seien in einer Unterkunft, da könnten sie SELBST kochen. Ich habe verwundert gefragt, wer denn bitte in Italien SELBST kochen will? Und sie meinten, aus einem Munde, endlich mal wieder ein Pfund Nudeln für 2 ins Wasser werfen und einmal wieder das Gefühl haben, richtig satt zu sein. Sie würden sich hier wirklich wohl fühlen 🙂

Später kommt Alex, die Freundin vom Chef mit ihrer 15 Jährigen Tochter. Sie arbeitet die ganze Woche in der Reha, am Wochenende auf der Alm. Arbeiten tun hier alles schon sehr sehr viel. Sie hat große strahlende Augen und erzählt mit Begeisterung von ihrem Job in der Reha. Wie tief befriedigend das ist, Menschen zurück ins Leben zu helfen. Wie glücklich es sie gemacht hat, neulich eine Patientin eigenständig aus dem Auto aussteigen zu sehen. Das seien die wirklich guten Momente, zu sehen, das was man tut, beeinflusst das Leben anderer positiv. Ich weiß genau was sie meint. „Und am Wochenende Almbetrieb?“ „Ja“, lacht sie „hätte auch nie gedacht dass ich mir mal nen Bauern such…“ Aber sie liebt auch die Arbeit hier. Und Abwechslung ist ja immer gut. Ihre Tochter ist total neugierig und aufgeweckt. Will alles über meine Tour wissen. Wie schwer der Rucksack ist, wo man schläft, was es kostet, wie lang ich unterwegs bin. Und ich lerne, dass man hier schon mit 15 anfangen kann für den Führerschein zu üben… Na oben auf dem Berg sollte ich sicher sein ;-))

Auch dieser entspannte, schöne Tag geht irgendwann zu Ende…Und morgen kann ich ausschlafen… Es würde den ganzen Almbetrieb durcheinander bringen, wenn mein Bruder mich morgen früh schon zurück zum Einstieg fährt. Also erst Mittags los und dann nur eine halbe Etappe. Ja sowas Blödes 🙂 Aber man muss auch mal Kompromisse machen 🙂 🙂

Danke Tröpolacher Alm für einen wunderschönen Pausentag!

P.S. Man kann da auch ganz ohne Beziehungen hin, sie vermieten ganz offiziell Zimmer. Ziegenstreicheln inklusive. Und bewirten Wanderer und Biker so gut!

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Hi, ich bin Katharina

Ein Jahr nach meinem München – Venedig Abenteuer versuche ich es erneut zu Fuß über die Alpen, diesmal „weiter drüben“. Seit 30.6.21 bin ich unterwegs von Salzburg nach Triest. 500 km, 26.000 Hm. Hier könnt ihr in Gedanken wieder mitlaufen!

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